Eisberg

Fr 12. 4. 2019 19:30 Judith Wegman

Tournee „Le souffle du temps“ II

Judith Wegmann – Klavier

Wolfgang Dokulil – live visual art

– Was ist Zeit, was löst das Thema in mir aus? –

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit- mit allen Facetten die diese Fragestellung beinhaltet, ist allmählich in mir gewachsen. Aus dieser tief greifenden Frage wuchs das Bedürfnis, Gefühle, die diese basale Fragestellung auslösten, musikalisch zu transformieren und interpretieren. Daraus entstand das aktuelle Album mit den X (Rétro-) Perspektiven „le souffle du temps“.

Im Arbeitsprozess präparierte ich sieben Töne, jene erklingenden, glockenartigen Töne, die sich in einer Kontinuität wie ein roter Faden durch die zehn Improvisationen ziehen und somit eine Beständigkeit in den charakterlich doch sehr unterschiedlichen Stücken bilden. Die Stücke habe ich während acht Wochen in Zurückgezogenheit im Atelier entwickelt und auf einem älteren Yamaha Flügel eingespielt, um genau diesen spezifischen Klang zu erzeugen, der nicht ganz rein und klar ist. Dies verleiht den Stücken und der gesamten Atmosphäre eine Fragilität oder auch Zerbrechlichkeit. „Le souffle du temps“ ist eine intime Einspielung, eher subtil mit viel Raum, Ruhe und Tiefe, auf der Suche nach genau diesem Klang, der daraus entstanden ist. Es sind Klangbilder, welche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hörbar machen.

Für diese Einspielung erhielt ich international eine positive Kritik.

Kate Molleson schrieb zu meiner Einspielung im „the guardian“:

“The title translate as „the breath of time“. What i like is how elusive the playing is, meticulous but still indefinable. Charactersappear and flit around without any sense of hurry – there’s a grace to the aimlessness… For me the most satisfying moments are when the sounds go deepest, clangiest and most consonant, the moments when Wegmann appears the least precious and the most gutsy.“

Tilman Urbach schrieb darüber im FONOFORUM:

„Morton Feldman ist nicht tot. John Cage auch nicht. Das jedenfalls wispern die Klaviersaiten in Judith Wegmann’s „Le souffle du temps.“ Denn was die Pianistin auf ihrem präparierten Klavier spielt, tönt leicht, wie weggangs entstanden, wie aus dem Moment heraus geboren. Absichtslos und doch von beachtlichem Gewicht. Das wirkt bis in den einzelnen Ton nach, dem Raum gelassen wird und der einen Eigenwert besitzt – das wusste schon Morton Feldman. Diese Musik hat etwas zutiefst Ernstes, aber dieser Ernst erdrückt nicht. Im Gegenteil: Er macht alles leicht wie eine Feder…“

Der schottische Jazz-Kritiker Brian Morton schrieb in den Liner Notes im letzten Satz:

„Make time to listen to this music, as the musician made time to prepare for it. Don’t wedge it into a pile of other CDs clamouring tobe heard. Don’t immediately applaud it and move on to the next thing. Play it again. You’ll be playing it for years.

Nach den positiven Kritiken folgten Einladungen zu künstlerischen Residenzen.

In diesem Rahmen werde ich im Mai 2019 in Palermo/IT, am zeitgenössischen Festival, das von der Curva Minore, einer Organisation für zeitgenössisches Musikschaffen organisiert wird, drei Konzerte geben. Dieser Aufenthalt bietet mir einen willkommenen Anlass, mich weiter mit „Le souffle du temps“ auseinander zu setzen und die Grundidee weiter zu entwickeln. Auch ist für mich die oben formulierte Frage mit dem aktuellen Album noch längst nicht abgeschlossen, und es ist bereits eine zweite Solo-Einspielung für das Jahr 2019 vorgesehen.

In meiner musikalischen Aktivität als Pianistin, Interpretin und Improvisatorin ist es mir ein großes Anliegen, dass zeitgenössische Kompositionen immer wieder einen Platz im Programm finden und aufgeführt werden. Auch sehe ich die Zusammenarbeit mit Komponist/Innen als eine Bereicherung meines eigenen künstlerischen Schaffens an, und der stattfindende Austausch ist stets spannend und eine inspirierende Quelle. Für die daraus resultierende und nun anstehende Schaffensperiode habe ich mehrere Komponisten beauftragt, ein Werk für mich zu komponieren. Ein Werk, das eine Verbindung zu der aktuellen CD „Le souffle du temps“ herstellt. So soll ein Stück geschrieben werden, das sich mit der Einspielung auseinandersetzt, sie widerspiegelt, das Grundthema – die „Zeit“ – aufgreift und dadurch die Stimmungen meiner Musik neu verarbeitet und reflektiert.

Nun ist es an den beauftragten Komponisten sich zu fragen, was Zeit ist, und wie sie Zeit wahrnehmen, und was diese Fragestellung bei ihnen auslöst. Dadurch und in Dialog mit „le souffle du temps“ soll Musik geschaffen werden, die die Stimmung und Auseinandersetzung auf dem Album aufgreift, verwebt, reflektiert und erweitert. Ab Februar 2019 soll dieses Programm erst in der Schweiz und dann im Ausland aufgeführt werden. Einen Eindruck kann man hier direkt über den Link gewinnen: https://youtu.be/wr8maLnGj7E

Biografie: Judith Wegmann (Zug/Biel, CH)

begann im Alter von 6 Jahren mit dem Klavierspiel. Mit 16 Jahren studierte sie an der Jazzschule Luzern und Bern mehrere Jahre und begann sich während dieser Zeit mit der frei improvisierten Musik auseinander zu setzen. Danach absolvierte sie das klassische Musikstudium in Neuchâtel und Luzern, das sie mit Masterstudien erfolgreich beendete. Es folgten weitere Studien und Meisterklassen bei renommierten Professoren im klassischen Repertoire in der Schweiz sowie im Ausland. 2014 beendete sie einen weiteren spezialisierten Masterstudiengang an der Hochschule für Musik in Basel, wo sie sich intensiv mit der freien Improvisation, wie auch der Neuen Musik auseinander setzte. Als klassische Pianistin und Kammermusikerin gibt sie regelmäßig in verschiedenen Formationen Konzerte. Als genre-übergreifende Pianistin konzipiert sie Projekte in denen klassische-, zeitgenössische Musik wie auch Improvisation im Zentrum stehen. Regelmässig entwirft sie neue Konzertprogramme mit unterschiedlichen Besetzungen und trägt deren Verantwortung bis sie zur Aufführung gelangen. Ihre Projekte wurden sowohl in der Schweiz als auch im Ausland aufgeführt. Die Zusammenarbeit mit Komponisten und Kunstschaffenden aus den Bereichen visuelle Kunst und Literatur eröffnet ihr immer wieder neue Perspektiven.

Judith Wegmann erhielt 2011 und 2015 einen Förderpreis vom Kanton Zug für ihr freies künstlerisches Schaffen.

2014, 2015 und 2016 wurde ihr den Werkbeitrag von der Stadt Biel zugesprochen. Seit 2015 ist sie Vorstandsmitglied der Werkstatt für die freie Improvisierte Musik in Bern (WIM Bern). 2017 erschien ihr erstes Soloalbum bei Hathut records, das international positive Kritik erhielt. Weitere Infos unter: https://www.judithwegmann.ch

Eintritt frei, über Spenden freuen wir uns.

gefördert im Rahmen der Reihe EISBERG von

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