Bildnerische Improvisation

16./17. November 2019, 15:00 – THE TRUTH AND THE FAKE

Audiovisuelle Performance 

zum Spannungsfeld von Wahrhaftigkeit und Täuschung

Gloria Damijan und Wolfgang Dokulil entwickelten seit Jänner 2018 audiovisuelle Performances, die sie im Atelier KunstbeTrieb zur Aufführung brachten. Anlässlich der Open Studio Days der Vienna Art Week 2019 mit dem Motto „Making Truth“ untersuchen sie die Möglichkeiten von Wahrhaftigkeit in ihren live Improvisationen.

Gloria Damijan: Klangliche Aktionen am Klavier und Extended Toy Piano

Wolfgang Dokulil: Bildnerische Aktionen digital und analog

16. November 2019, 15:00

Stephen Montague: Beguiled

Gloria Damijan – Klavier

Wolfgang Dokulil – live digital graphic

freie Zeit

Gloria Damijan – Extended Toy Piano

Wolfgang Dokulil – live digital graphic

Metallzeit

Gloria Damijan – Extended Toy Piano, Klavier

Wolfgang Dokulil – Metallguß

17. November 2019, 15:00

Die Ordnung des Materials (Gips Stein Ordnung)

Gloria Damijan – Klavier, Extended Toy Piano

Wolfgang Dokulil – Bildhauerei

Erläuterungen

16.11.2019

Interpretation von Stephen Montague’s Komposition: Beguiled (dt.: betört, verführt, umgarnt), sowohl als Musikstück, als auch im Sinn einer Transformation mittels live Visualisierung. Das Stück setzt sich mit dem Sujet des Blues auseinander. Es zeichnet sich durch eine spezielle, nur auf den ersten Blick rückwärts gewandten Stilistik aus. Die Interpretation der Komposition beruht vorwiegend auf Regelbefolgung, Improvisation dagegen auf Regelbruch. Wird die Authentizität der Musikerin bei der Musikinterpretation sichtbar oder eher die Inszenierung? Eine ähnliche Fragestellung wirft die Situation des digitalen, live auf eine Leinwand projizierten Bildes auf, da im Vorfeld Regeln dafür komponiert wurden. Die Regelung von Material und Programmtools soll ein möglichst synchrones Reagieren der Grafik auf die musikalische Komposition ermöglichen. 

Freie Zeit: freie Improvisation. In diesem Abschnitt wird das Setting von analoger Musik und deren digitaler Visualisierung beibehalten, jedoch der Schwerpunkt auf die Authentizität gelegt. Hatte die Pianistin zuvor, ein für sie reizvolles, aber von dem persönlichen Verständnis von zeitgenössischer Ausdrucksweise in gewissen Punkten stark abweichendes Werk gespielt, so tritt sie nun als Improvisatorin in den Vordergrund. Hierbei stellt sie sich dem Spannungsfeld Expressivität, Involviertheit, persönlicher Ausdruck, persönliche Zurückgenommenheit gegenüber einer übergeordneten ästhetischen Idee. Auch die Bildnerische  Aktion steht im Zeichen wechselseitigen Interagierens. Haben Musik und Bild etwas mit einander zu tun, oder ist die Kommunikation ein Fake?

Metallzeit besteht aus einem perfomativen Setting, in dem Zeitverläufe visualisiert werden, musikalische Äußerungen reduziert, abstrahiert werden. Statt wie vorher digitaler Bilder wird nun analoges Material bearbeitet. Nicht klangliche Äußerungen strukturieren Zeit, der zeitliche Rahmen wird nun durch die Herstellung eines Reliefs aus gegossenem Metall vorgegeben. Angefangen von der Anfertigung des Rahmens kommt dem Schmelzprozess eine zentrale Bedeutung zu, insofern dadurch Zeitabschnitte vordefiniert werden. Hinzu kommt, dass Wolfgang Dokulil nun auch als Klanggenerator in Erscheinung tritt und mit Stichsäge, Bunsenbrenner, sowie durch Schritte und andere dem Schaffensprozess immanenten Lautgeschehnissen an der musikalischen Gestaltung beteiligt ist. Gloria Damijan steht vor allem vor der Herausforderung, die Abschnitte der Performance, in denen Metall geschmolzen wird, als Komponistin zu gestalten. Hierbei tritt vor allem der architektonische, auf Zurückgenommeheit unmittelbarer persönlicher Befindlichkeiten bedachte Zugang zum Tragen, welcher einen besonderen, starken Reflexionsprozess über den Kern der individuellen Vorstellung von Ästhetik, sowie über das eigene Zeitempfinden/Zeitgestalten voraussetzt. 

Das Metallgießen fügt sich auch deshalb in den Themenkomplex von „Fake“ und „Truth“, da es mit einer langen Tradition des Wahrsagens verbunden ist. Die durch den Gießenden nicht zu kontrollierende Formgebung zog die Idee nach sich, durch deren Interpretation Rückschlüsse auf zukünftige Ereignisse schließen zu können, sie sozusagen als Produkt einer sich außerhalb der eigenen Persönlichkeit befindlichen Macht zu begreifen. Inwiefern belügt der Wahrsagende dabei sich selbst und andere? Geschieht dies mehr oder weniger vorsätzlich? Wie sehr ist die Form des erstarrenden Metalls unmittelbar mit spezifischen anatomischen Eigenschaften, momentanen oder allgemeinen Dispositionen der Persönlichkeit und deren psychischer Verfasstheit verknüpft?

17.11.2019

Partitur: Gloria Damijan

Die Ordnung des Materials (Gips – Stein – Ordnung): Die Bearbeitung zweier unterschiedlicher Materialien erfolgt  in unterschiedlichen Zeitverläufen, die aber auch unterschiedliche Möglichkeiten der Interaktion zwischen klanglichen und bildnerischen Kunstschaffen eröffnen. Die dreiteilige Performance beschäftigt sich einerseits mit der Thematik Wahrhaftigkeit sowohl im Sinne der analogen, direkt am Material vollzogenen Kommunikationsprozesse, als auch im Sinne der Wahrhaftigkeit in der Kommunikation selbst. Anknüpfend an „Metallzeit“ vom ersten Tag werden auch hier die Fragestellungen der Freiheit des persönlichen Ausdrucks angesichts vor-determinierter Zeitabläufe ausgelotet. Bei der Arbeit mit Gips gibt es einerseits die Zeitspanne, die das Gipspulver braucht, um sich mit Wasser anzusaugen, bevor es umgerührt und verarbeitet werden kann, andererseits die Zeitspanne, bis der flüssige Gips soweit anzieht, bearbeitbar wird, härtet und das hergestellte Objekt schließlich eine gewisse Festigkeit erreicht. Diese Zeitspannen stellen die PerformerInnen vor die Aufgabe, Möglichkeiten der klanglichen und spartenübergreifenden Interaktion zu finden. Dabei ist die Herausforderung im eigenen Kunstschaffen sich selbst treu zu bleiben, besonders groß. Im Abschnitt Stein wird eine spezielle Form der Interaktion erprobt, um das musikalische Potential des Bearbeitens eines Steins urbar zu machen. Gloria Damijan entwickelte gemeinsam mit Wolfgang Dokulil ein Repertoire an Bearbeitungsvorgängen am Stein, die eine sehr gezielte Klangerzeugung ermöglichen. Diese wurden in einer graphischen Partitur von Gloria Damijan strukturiert. Dadurch wird der zu bearbeitende Stein zum Musikinstrument, der Künstler gleichzeitig Bildhauer und Musiker. Hier wird die Fragestellung aufgeworfen, inwiefern Wahrhaftigkeit im Auseinandersetzen mit den Ideen des anderen entstehen kann, sei es durch das Erobern von Freiräumen innerhalb bestimmter Vorgaben, oder durch die Erfahrung eines tieferen Verständnisses des Kunstschaffens des Gegenübers. Im letzten Teil Ordnung geht es um das Anordnen, ‚Componere‘ als Akt des Kunstschaffens, der oft als letzter oder erster Arbeitsschritt einer künstlerischen Tätigkeit stehen kann. Es wird erforscht, wie kulturell vor-determiniert Vorstellungen von Anordnung des Materials sind, inwiefern sie Ergebnis der persönlichen Biographie sind, ob und wie sich eine gemeinsame wahrhaftige Anordnung des Materials realisieren lässt. Geht dem Kunstschaffen ein Versuch der Ordnung der Gedanken voran, oder werden die in einer Art Brainstorming entstandenen Elemente im Nachhinein auf eine gemeinsame Komponente, einen rote Faden hin untersucht und dahingehend zusammengesetzt? Inwiefern widersprechen vorgefertigte Elemente, oder auch fixierte Teile der Abläufe einer Performance dem prozessualen Vorgang des Improvisierens, inwiefern können diese Einschränkungen jedoch auch befruchtend wirken in dem Sinne, dass sie dazu führen, genauer zu beobachten und die Rezipienten an einer tiefgehenden Erfahrung Teil haben zu lassen? 

Fragen

Damijan & Dokulil untersuchen die Wahrhaftigkeit ihrer live Performances. Wenn sie improvisieren, dann betreiben sie unmittelbar Kommunikation im ästhetischen Ausdruck. Optimale Bedingungen für die live Performances sind größt mögliche Offenheit, Transparenz, Herrschaftsfreiheit und Wahrhaftigkeit. Die Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst besteht darin, die eigene innere Wahrheit in Erscheinung treten und sich nicht durch äußere Einflüsse (etwa Gruppenzwang, Manipulation oder Ökonomie) bestimmen zu lassen.

Wann aber ist Authentizität nicht Inszenierung, Fälschung, Fake?

Wie viel oder wie wenig persönliche Distanz ist notwendig

Welcher Grad an emotionaler Kontrolle, welche Stufe des Kontrollverlustes

Welche ästhetischen Vorstellungsräume sind erwünscht, bzw. unerwünscht

Wie lassen sich die Pole Interpretation, Improvisation, Komposition (auch innerhalb der jeweiligen ‚Gattung‘ unterschiedlichster Zugangsweisen zum Schaffensprozess) und deren Produkte miteinander verbinden, auch in Hinsicht auf die persönliche Involviertheit.

Besondere Anforderungen stellt die künstlerische Improvisation beim Zusammenwirken mehrerer Kunstsparten (bildende Kunst, Musik, Tanz, Sprache) und über kulturelle Grenzen hinweg. Kommunikation in verschiedenen Sprachen. Dass es dabei Verständigungsschwierigkeiten gibt, liegt in der Natur der Sache.

Je nach Betrachtungsweise lassen sich in allen Abschnitten die Anteile von „Truth“ im Sinne von Wahrhaftigkeit und „Fake“ im Sinne von Vorspiegelung falscher Tatsachen unterschiedlich bewerten. Dies gilt übrigens auch für die Frage nach Abstraktion in den künstlerischen Äußerungen. Gibt es eine abstrakte Wahrheit? Liegt einem klanglichen Geschehen, das auf den Kern musikalischer Äußerungen reduziert ist, nämlich auf dessen Definition von und durch Zeit, liegt dem also ein größerer Abstraktionsprozess zugrunde als einer in einem hochkomplexen System tonaler Klangsprache entstandenen Komposition? Wo befindet sich hier die konkrete Wahrheit?

Kann man sich beim Finden des kleinsten gemeinsamen Nenners selbst treu bleiben? Kann man als Duo auf der Metaebene eine Wahrhaftigkeit im Kunstschaffen entwickeln? Kann bzw. soll sich diese Ebene der Wahrhaftigkeit auch signifikant von dem Kunstschaffen außerhalb dieser spezifischen Duoformation unterscheiden?

Gibt es eine Schnittmenge aus Interpretation, Improvisation und Komposition die ein Feld des persönlichen Profils, oder gar so etwas, wie den Kern des Individuums entstehen lässt?

Neue gesellschaftliche Verhältnisse bringen eine neue Ästhetik. Für die Verständigung in neuen gesellschaftlichen Verhältnissen kann Improvisation eine Übung in der Beobachtung und Wahrnehmung von neuen Konventionen und Codes sein. Dazu muss die Improvisation aus ihren alten Praxen heraus treten. Kann das Ausreizen von improvisatorischen Möglichkeiten mit digitalen Medien und neuen Instrumenten etwa helfen, die Kreativität und Selbstermächtigung des Einzelnen gegen die Überwältigung und Manipulation durch Internet und Massenmedien zu stärken?

Es ist am Ende die Wahrnehmung der Performance, die ihre Bedeutung determiniert. THE TRUTH AND THE FAKE: Die Wahrheit liegt in Aug und Ohr der Rezipierenden (zu denen auch die KünstlerInnen zu zählen sind). Sind wir  nicht alle angehalten, die eigene Authentizität, sowie die Relativität von Wahrheit und Lüge, von Sein und Schein zu reflektieren?